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Berlinale '26 - Atlas des Universums

Berlinale '26 - Atlas des Universums

Wir haben Regisseur Paul Negoescu zum ersten Mal 2009 im Rahmen unserer Interviewserie Short Talks getroffen. In diesem Zeitraum hatte er es drei Mal hintereinander in den Wettbewerb der Berlinale-Kurzfilme geschafft. Auch uns konnte er stets mit seinen authentisch inszenierten, kurzweilig unterhaltsamen, wie aus dem Leben rumänischer Familien gegriffenen Shorts sehr überzeugen. Obwohl thematisch mehr ein Langfilm für Kinder, hat uns sein diesjähriger Berlinale-Generations-Beitrag 2026, Atlas des Universums (Atlasul universului) ähnlich überzeugt - mitunter sogar charmant an ein legendäres Werk Abbas Kiarostamis’ erinnert.

Filmbild “Atlasul universului © Razvan Marinescu (2026)

Wir erzählen in dieser Rezension allgemeingehalten und ohne zu viele Details auch Aspekte des späteren Handlungsverlaufs, verraten aber nie zu viel, um damit unerwartetes zu spoilern.


Links & Videos zur Filmkritik



Kurzfilme von Paul Negoescu:


Unser Interview-Zusammenschnitt mit Paul Negoescu von 2009:


Unsere Filmkritik zu „Atlas des Universums“ als Text zusammengefasst:

Atlas des Universums (Atlasul universului) ist thematisch ein Kinderfilm, der sich für Erwachsene wohltuend ernst nimmt. Nicht im Sinne belastender Schwere, sondern im Anspruch, seine kleine Geschichte nicht mit Klamauk und filmhandwerklicher Banalität zu inszenieren. Paul Negoescus Beitrag zur Generations-Sektion der Berlinale 2026 ist künstlerisch hochwertiger gelungen als viele der nur an Erwachsene gerichteten Filme des Festivals dieses Jahr.

Im Zentrum steht ein Junge aus einem rumänischen Dorf, der mit einem klaren Auftrag losgeschickt wird: neue Schuhe in der nächstgrößeren Stadt kaufen, mit dem Geld sorgfältig umgehen und es dem Vater nicht geben, weil der es sonst vertrinkt. Der Vater versucht trotzdem, erst noch in die Kneipe abzubiegen - also entscheidet der Junge trotzig und mutig: Er geht allein.

Ein echt anmutendes Kinderabenteuer, authentisch erzählt und durch die Kamera wahrgenommen. Besonders, wenn häufig alles vom eigentlichen Weg ablenkt: Spielplätze, fremde Menschen, kleine Beobachtungen, die plötzlich riesig werden. Wir erkennen dieses Gefühl, der ersten selbstständigen Besorgungen aus unserer Jugend wieder. Wenn sich auf einen Schlag aufregende neue Welten auftun, obgleich es nur der Nachbarort sein mag.

Der Film bleibt angenehm simpel, verfolgt sein Konzept dennoch ereignisreich gespickt mit kuriosen Situationen und liebevollem Aufeinandertreffen mit verschiedenen Personen entlang des Weges, dessen Route dem kleinen Jungen im Mittelpunkt auch nicht immer ganz klar erscheint. Überhaupt nimmt sein Abenteuer früh einen ungewissen Verlauf.

Er kauft die Schuhe (sogar günstiger als gedacht), gönnt sich davon Kleinigkeiten, will korrekt sein und merkt erst später: Er hat zwei rechte Schuhe im Karton. Mutig und entschlossen macht er nicht kehrt heim, sondern kehrt zurück in den Laden ein, wo ihm nur gesagt wird, dass das gleiche paar erst kürzlich an ein anderes Kind verkauft wurde. Ob dort wohl zwei linke Schuhe in der Box waren?

Es beginnt eine Reise in ein noch entfernteres Dorf, um den passenden rechten Schuh bei dem anderen Käufer zu finden. Aus dieser Suche entsteht eine Kette kleiner Begegnungen: Erwachsene, die helfen oder überfordert sind, andere Kinder, ein Hund, kurze Momente von Vertrauen und Misstrauen und immer dieses Drängen, die Aufgabe selbst zu lösen, bevor die Eltern es erfahren und enttäuscht von ihm sind.

Das ist nie spektakulärer als es sein muss, aber konstant charmant und authentisch gespielt - vor allem, weil der Film nicht den Eindruck erweckt, als wäre jedes Kind ein geschniegelt geschulter TV-Kinderschauspieler, sondern eben einfach ein echtes Kind.

Große Überraschungen liefert Atlas des Universums nicht; er will eher ein geradliniges, warmes Abenteuer sein, das nicht länger fortläuft als nötig. Genau dadurch funktioniert er: als liebevoller Film, den man selbst jüngeren Kindern zeigen kann, weil er sie ernst nimmt, ohne Erwachsene zu langweilen.

Wer Filmgeschichte im Hinterkopf hat, erkennt die Nähe von Atlas des Universums zu Abbas Kiarostamis„Wo ist das Haus meines Freundes?“: derselbe Motor aus kindlicher Gewissenhaftigkeit, Wegstrecken, Türen, Dörfern, und dem fast existenziellen Gewicht einer scheinbar kleinen Aufgabe.

Autor: Daniel Pook



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Dieser Podcast wurde von Daniel Pook mit dem Kaffeemann auf der Berlinale in Berlin aufgenommen.

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