Berlinale '26 - Everyboy Digs Bill Evans (inklusive uns!)
Der Kaffeemann und Daniel hätten den Goldenen Bären der Berlinale 2026 ja lieber an Everybody Digs Bill Evans verliehen als an Gelbe Briefe, immerhin hat die Jury das kunstvolle Musik-Biopic rund um den legendären Jazz-Virtuosen aber mit dem Silbernen Bären für die beste Regie prämiert. Spätestens sobald ein Kinostart feststeht, solltet ihr euch diesen wunderbaren und wunderschönen Film von Grant Gee unbedingt fest vormerken.
Wir verraten in dieser Rezension allgemeingehalten und ohne zu viele Details auch Aspekte des späteren Handlungsverlaufs, verraten aber nie zu viel, um damit unerwartetes zu spoilern. Ohnehin ist dies ein biografischer Film auf Basis wahrer Begebenheiten.
Links & Videos zur Filmkritik
Everybody Digs Bill Evans auf der offiziellen Berlinale-Website
Unsere Filmkritik zu „Everybody Digs Bill Evans“ als Text zusammengefasst:
Everybody Digs Bill Evans brachte Regisseur Grant Gee den Silbernen Bären der Berlinale 2026 ein. Im Gegensatz zum Goldenen Bären im selben Jahr, können wir dieser Entscheidung nur sehr zustimmen. Der Film beginnt in New York, Juni 1961, in kontrastreichem Schwarzweiß: Man sieht ein Jazztrio nicht zuerst beim Spielen, sondern beim Stimmen, Atmen, Sich-Einrichten. Gefilmt und geschnitten, als stamme das Material aus einer zeitgenössischen Doku, zugleich mit der Bildsicherheit eines späten Scorsese oder frühen Jarmusch.
Im Mittelpunkt steht Bill Evans nicht als „Legende“ des Jazz, die er im realen Leben war, sondern als Mensch, der an einem Schicksalsschlag beinahe zerbricht und der dazu stark heroinabhängig ist: Nach einem Abend, aus dem legendäre Aufnahmen und Alben hervorgehen würden, verliert er seinen musikalischen Seelenverwandten durch einen Autounfall. Der Film zeigt nicht Evans gesamte Karriere, sein Aufwachsen oder andere übliche Stationen eines Musik-Biopics. Sondern die Zeit um dieses eine Ereignis herum und dessen Folgen. Wie Evans aus dem Spielen fällt, wie Abhängigkeit und Selbstzerstörung seine Rückkehr zum Jazz blockieren, und wie schwer es für ihn gewesen sein muss, sein unvergleichliches Talent nicht einfach aus Kummer wegzuwerfen.
Die Handlung verläuft nicht stringent linear und arbeitet zuweilen mit wenigen, sehr kurzen Zeitsprüngen in Farbe, die zunächst irritieren, dann aber wie präzise gesetzte Nadelstiche wirken. Sie dienen nicht dazu, schnell noch das restliche Leben abzuhaken, sondern liefern genau dann einen Blick nach vorn, wenn die Filmgegenwart der Figur für uns Zuschauende zu wenig neue Erkenntnisse liefern würde.
Als Charakterstudie wird Bill Evans Innenleben nicht in Dialogen erklärt, sondern in Montage, Überblendungen, Erinnerungsfetzen und kurzen Albtraum-Einschüben sichtbar. Und wenn es nur sein Blick ist, der abdriftet, während jemand mit ihm spricht. Licht, Schatten und die weiche Helligkeit der Spitzlichter sind so bewusst gesetzt, dass fast jedes Bild wie ein Foto steht, ohne sterile Perfektion. Wir vermuteten im Kino, der Film sei analog gedreht worden. Tatsächlich hat Kameramann Piers McGrail jedoch größtenteils mit einer Arri Alexa 35 digital gearbeitet. Dass ein überzeugender Analogfilm-Look heutzutage auch durch sehr gute Nachbearbeitung möglich ist, wissen wir ja spätestens seit The Holdovers.
Am Ende steht ein Film, der auch ohne Vorwissen über Bill Evans als Kunstwerk für sich gesehen hervorragend funktioniert: Er ruht sich nicht auf wahren Ereignissen aus, sondern baut aus Ästhetik, Rhythmus und emotionaler Präzision ein eigenes Werk, das Bill Evans zur gezeigten Zeit allerdings glaubwürdig repräsentiert. Gerade weil Regisseur Grant Gee surreale Gedankenwelten und Zeitsprünge punktgenau einsetzt, statt sie nur als Dekoration zu gebrauchen, entsteht eine Intensität, aber auch ein tiefes Verständnis für den Protagonisten, wie es viele schnurgerade abbildende Biopics nicht zu erreichen vermögen.
Autor: Daniel Pook
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Dieser Podcast wurde von Daniel Pook mit dem Kaffeemann auf der Berlinale in Berlin aufgenommen.


