Berlinale '26 - Gelbe Briefe (Goldener Bär & größte Enttäuschung)
Bereits eine Woche bevor Regisseur İlker Çatak für seinen neuen Film den Hauptpreis der Berlinale 2026 entgegennehmen durfte, haben Daniel und der Kaffeemann bereits diesen Filmkritik-Podcast hier über Gelbe Briefe aufgenommen. Anstatt eines Goldenen Bären gibt‘s von den beiden jedoch nur ihrerseits gelbe und blaue Briefe, denn wir sind von diesem Versuch, viel wichtiges zu sagen und es doch nie so wirklich zu benennen, rundum schwer enttäuscht. Obwohl, auch das sei betont, Gelbe Briefe nur rein handwerklich betrachtet tatsächlich eigentlich ein sehr guter Film geworden ist.
Wir verraten in dieser Rezension allgemeingehalten und ohne zu viele Details auch Aspekte des späteren Handlungsverlaufs, verraten aber nie zu viel, um damit unerwartetes zu spoilern.
Links & Videos zur Filmkritik
Gelbe Briefe auf der offiziellen Berlinale-Website
Unser Interview mit Regisseur İlker Çatak auf der Berlinale 2024:
Unsere Filmkritik zu „Gelbe Briefe“ als Kurztext zusammengefasst:
Gelbe Briefe von İlker Çatak verlegt eine Geschichte über staatliche Repression in der Türkei bewusst in eine abgewandelte Filmwelt: Gedreht und gespielt wird in Berlin und Hamburg, doch innerhalb des Films heißen diese Orte „Ankara“ und „Istanbul“. Der gesamte Cast spricht Türkisch, alles wirkt wie ein offen gelegtes Theaterkonstrukt - plausibel als pragmatisch gewähltes Erzählmittel, weil sich ein Film über Einschüchterung von Künstlern, Journalisten und regierungskritischen Menschen in dieser Größe in der Türkei kaum frei und sicher herstellen ließe.
Genau diese Setzung weckt jedoch Erwartungen, die Gelbe Briefe nicht erfüllen kann: Wenn schon in Deutschland gedreht wird, könnte der Film die Dinge beim Namen nennen, Mechanismen erklären, Verantwortliche sichtbar machen. Stattdessen bleibt er auffallend unkonkret, spricht lieber allgemein vom „Präsidenten“ und von politischen Bedingungen, ohne wirklich greifbar zu machen, wie das System arbeitet und wodurch die Bedrohung über die Belange der Figuren im Mittelpunkt konkret wird.
Im Zentrum steht ein wohlhabendes, intellektuelles Künstler- und Lehrerpaar, das wegen politischen Protests und moralisch integrer Haltung erst Jobs, Bleibe, finanzielle Sicherheit und schnell auch seine gesellschaftliche Stellung verliert - und doch im Film nie wirklich in existenzielle Not gerät.
Die erweiterte Familie hilft sofort, neue Arbeit findet sich, sogar ein provokantes Theaterstück auf kleinerer Bühne bleibt möglich. Dramatisiert wird vor allem der Abstieg von sehr bequem zu immer noch nicht prekär: Ausführliche Diskussionen über Privatschule für die Tochter und teuren Gitarrenunterricht wirken wie Wohlstandsprobleme, die im Film mehr Raum einnehmen als die Bedrohung durch ein kaum skizziertes Regime oder nie beim Namen genannte Proteste..
Vermutlich hat Çatak daraus eine scharfe Beobachtung über privilegierte Milieus machen wollen, die entweder erst bei eigener Betroffenheit politisch werden oder gerade dann doch anfangen, sich zurückzuhalten, wenn sie sich den Luxus einer lauten Meinung nicht mehr leisten können.
Nur setzt der Film diese Lesart nicht sichtbar um; er wirkt weder satirisch noch bewusst doppeldeutig, sondern eher, als traue sich İlker Çatak hier nicht, heiße Kohlen wirklich anzufassen. Dass einzelne Szenen und Darstellungen lebendig, glaubwürdig und gut gespielt sind, macht Gelbe Briefe umso frustrierender. Es ist ein oberflächlich stark inszeniertes Werk mit glaubhaft geschriebenen, real anmutend gespielten Figuren.
Der Film wiederholt seine früh offensichtliche Grundbotschaft („Regime sanktionieren freie Kunst und Bildung“) auf einer sehr allgemeinen Ebene, hält sich ab der Hälfte aber doch zu viel mit persönlicher Familiengeschichte auf, bietet zu wenig zusätzliche Komplexität und bleibt am Ende ein ordentlich produziertes Drama mit enttäuschend angezogener Handbremse.
Immerhin: 2026 hat das trotzdem für den Goldenen Bären auf einer bezeichnend mut- und haltungslosen Berlinale gereicht…
Autor: Daniel Pook
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Dieser Podcast wurde von Daniel Pook mit dem Kaffeemann auf der Berlinale in Berlin aufgenommen.


