Berlinale '26 - At the Sea
Das Beste an At the Sea von der Berlinale 2026 ist, dass Daniel anlässlich dessen noch einmal auf das viel bessere Entzugsdrama The Outrun verweisen kann. Der hier betrachtete Film hingegen ist nur mal wieder ein langweiliger Versuch, uns normalen Menschen näherzubringen, wie ach so schwer doch das Leben sehr wohlhabender Erfolgs-Künstlerfamilien ist, die jetzt vor so schweren Entscheidungen stehen, wie ob sie ihre riesige Villa am Strand nun verkaufen sollen oder nicht. Überzeugend sind hier nur Schauspieler*innen wie Amy Adams, Rainn Wilson und Murray Bartlett in den Hauptrollen - was die leeren Bilder und wirkungslosen Konzepte des Films drumherum nur noch bedauerlicher macht.
Wir verraten in dieser Rezension allgemeingehalten und ohne zu viele Details auch Aspekte des späteren Handlungsverlaufs und des Endes, verraten aber nie zu viel, um damit unerwartetes zu spoilern..
Links & Videos zur Filmkritik
At the Sea auf der offiziellen Berlinale-Website
Die Letzte Filmkritik - Josephine
Die Letzte Filmkritik - The Outrun
Die Letzte Filmkritik - Tár
Filmmenü u.a. über Bardo
Unsere Filmkritik zu „At the Sea“ als Text zusammengefasst:
In At the Sea kommt die Leiterin (Amy Adams) einer elitären wie weltbekannten Tanzcompagnie nach rund sechs Monaten aus einer Entzugsklinik zurück in ihr riesiges Sommerhaus an der Ostküste. Der Empfang ihrer Familie ist kühl, weil sie betrunken einen Autounfall verursacht hat, bei dem ihr kleiner Sohn im Wagen saß. Und weil die Familie anschließende Zeit ohne ihre Mutter irgendwie überbrücken musste.
Die Teenager-Tochter hat Ersatzmutter spielen müssen, der Vater wirkt generell überfordert und überspielt viel was im Argen liegt. Der Junge versteht nicht, warum die Mutter „einfach weg“ war. Parallel beschäftigt die Protagonistin außerdem, dass sie einzige Erbin und Nachfolgerin, quasi auch Aushängeschild des renommierten Tanz-Ensembles ihres verstorbenen Vaters, eines exzentrischen, umstrittenen Choreografen ist. Und sie will aus dieser Rolle aussteigen, worauf Umfeld und Vorstand missmutig reagieren, als ginge es um den Untergang des ganzen Betriebs.
Was bei all dem nicht zustande kommt, ist ein vielschichtige Drama über Sucht, Entzug, Schuld, familiäre Reparaturarbeit und toxische Weitergabe von Abhängigkeiten. Der Film bleibt unerträglich oberflächlich, plakativ, belanglos: Rückblicke in die Kindheit der Hauptfigur und auf ihren Vater kommen als Werbefilm-artige Schnipsel, die mehr inhaltslos andeuten als interessantes zu eröffnen. Gegenwartsszenen bestehen oft aus halb angerissenen Dialogen, in denen niemand wirklich zu einem aussagekräftigen oder erzählerisch wirkungsvollen Kern vordringt.
Vor allem fühlt sich At the Sea seltsam folgenlos an: Die Entzugserfahrung lastet kaum sichtbar auf der Figur, das Risiko eines Rückfalls wird nicht ernsthaft als innerer Kampf erzählt. Stattdessen verschiebt der Film die Konflikte auf zwischenmenschliche Mini-Dissonanzen und Luxusentscheidungen: Verkauft sie das Strandhaus, bleibt sie „Gesicht“ der Compagnie? Wie weltbewegend…
Währenddessen fällt in etwa der Satz „We have money, we have assets“, welcher jegliche Fallhöhe praktisch aus dem Film nimmt. Dadurch entsteht der Eindruck, als wolle At the Sea ein universales Problem ausgerechnet im Setting einer privilegierten Künstlerdynastie verhandeln, ohne dieses Umfeld inhaltlich zu nutzen und ohne eine universell gültige Härte der Realität trotzdem spürbar zu machen.
Auch formal häufen sich leere Bilder: Winddrachen am Strand als Melancholie-Symbol, überstilisierte Backlot-Straßenszenen in einer deplatzierten Tanz-Traumsequenz mit herumhampelnden Passanten. Momente, die aussehen wollen wie Bedeutung, aber keine erarbeitete Wirkung haben. Dass einzelne Darsteller*innen ihr Talent durchaus gut erkennbar abrufen, hilft wenig, weil ihre Figuren so schwach geschrieben sind. Amy Adams trotz spürbarer Anstrengung gegen ein dünnes Buch anspielen sehen zu müssen, schmerzt.
At the Sea ist weder am Cast, noch an den offensichtlich vorhanden Produktionsmöglichkeiten gescheitert. Er ist vor allem dem Trugschluss erlegen, viel anzudeuten und wenig zu sagen, all das aber irgendwie mit Künstler*innen in Verbindung zu bringen, hätte in Kombination schon automatisch irgendwie künstlerische Wirkung. Hier nicht.
Autor: Daniel Pook
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Dieser Podcast wurde von Daniel Pook mit dem Kaffeemann auf der Berlinale in Berlin aufgenommen.


