Die Odyssee - Daniel ist an Bord, Patrick gelangweilt
Während sich fast alle anderen Kritiker dieser Welt in ihrem euphorisch positiven Gemeinschaftsurteil über Christopher Nolans Homer-Adaption Die Odyssee freudentränend in den Armen liegen, herrscht ausgerechnet beim sonst so häufig einigen Duo Daniel Pook und Patrick aus Hürth Unstimmigkeit über eben selben Film.
Ein ausführliches Gespräch, auch über den unsinnigen Diskurs vor dem eigentlichem Filmrelease und Nolans Premium-Format-Fetisch, mit lesenswerter Sekundärliteratur von Daniel als Artikel bei Golem.de.
Patrick & Daniel sprechen querbeet über diesen Film - auf Basis eines mehrere Jahrtausende alten Stoffs -und achten dabei nicht wirklich auf “Spoiler”.
Links & Videos zur Filmkritik
Daniels Filmkritik-Artikel über Die Odyssee bei Golem
Die Letzte Filmkritik - Dunkirk
Die Letzte Filmkritik - Tenet
Die Letzte Filmkritik - Oppenheimer
Gefilmt auf echten Booten und echt riesigen Riesen-Animatronics in realer Höhle
Die Odyssee soll um $250 Millionen gekostet haben
Oppenheimer spielte in Kinos fast eine Milliarde weltweit ein
Vergleich der Bildformate von Die Odyssee
Inhalt des Podcasts über Die Odyssee als Text zusammengefasst:
Die Odyssee wird im Gespräch dieses Podcasts von Die Letzte Filmkritik sehr unterschiedlich bewertet, obwohl Daniel Pook und Patrick aus Hürth bei einigen zentralen Stärken und Schwächen durchaus zusammenfinden. Einig sind sie sich zunächst darin, dass Christopher Nolan den antiken Stoff mit enormem handwerklichem Aufwand umgesetzt hat. Gedreht wurde weitgehend an echten Schauplätzen, auf realen Booten, in echten Höhlen und mit großformatigem Analogfilm.
Gerade diese physische Präsenz des Gezeigten hebt den Film klar von vielen fast rein digital zusammengesetzten Großproduktionen der heutigen Zeit ab. Matt Damon überzeugt sowohl Daniel als auch Patrick als Odysseus mehr denn im Vorhinein erwartet, ohne dass einer der beiden seine Darstellung für außergewöhnlich hält. Bei der weiteren Besetzungen sehen beide außerdem deutliche Schwächen: Besonders Tom Holland ist seiner Rolle als Odysseus’ Sohn schauspielerisch nicht ganz gewachsen, spielt nur gerade so ok. Aus dem prominenten Ensemble ragt niemand bedeutend heraus oder zeigt eine eindrucksvolle Leistung. Unbekanntere, aber dramaturgisch mehr in Mimik und Spiel ausdrückende Gesichter wären sowohl Patrick als auch Daniel in Die Odyssee lieber gewesen.
Deutlich auseinander gehen ihre Eindrücke davon, ob Nolan aus den bekannten Stationen der Irrfahrt einen eigenen, zusammenhängenden Film geformt hat. Patrick erlebt die knapp dreistündige Reise vor allem als grob verknüpfte Abfolge abgearbeiteter Episoden: Zyklop, Kirke, Riesen, Ithaka und die Rückblicke auf Troja folgen aufeinander, ohne dass ihn die Figuren emotional mitnehmen oder sich die zehnjährige Irrfahrt nach zuvor zehn Jahren Krieg wirklich lang und zermürbend anfühle.
Odysseus’ Männer bleiben für ihn weitgehend austauschbar, die Konflikte auf Ithaka wiederholen sich, und weder die mythologischen Wesen noch die großen Stationen der Reise entwickeln für ihn die erhoffte visuelle oder dramaturgische Kraft. Er vermisst einen klaren Mittelpunkt, an dem sich Odysseus’ Entwicklung ablesen ließe. Besonders das Verhältnis zwischen Mensch und Göttern, die Willkür göttlicher Macht und die Folgen von Odysseus’ Überheblichkeit erscheinen ihm eher am Rande erwähnt als wirklich erzählt. Deshalb wirkt der Film auf ihn oft dröge, überraschungsarm und trotz seiner technischen Qualität eher wie der erwartbare gute Nolan-Film als wie ein Werk, das ihn länger beschäftigen oder zu einer erneuten Sichtung reizen würde.
Daniel teilt einen Teil dieser Drehbuchkritik. Auch ihm fehlt auf der eigentlichen Reise eine deutlichere Entwicklung des Odysseus hin zu dessen gereiften Erkenntnissen am Ende. Nolan legt seine Interpretation sehr früh fest: Der Bruch von Gastrecht, Vertrauen und den sogenannten Gesetzen des Zeus beginnt für ihn bereits mit der List des Trojanischen Pferdes. Odysseus erkennt schon in Troja, dass er mit seinem vermeintlichen Sieg eine Ordnung zerstört hat, auf die sich Menschen bislang verlassen konnten. Genau diese Erkenntnis hätte sich auf der anschließenden Irrfahrt jedoch konsequenter entfalten müssen. Immer wieder handelt Odysseus oder lässt seine Mannschaft handeln, als hätte er diese Einsicht so ganz noch nicht gewonnen. Daniel und Patrick stimmen deshalb darin überein, dass der Film seine zentrale Idee zwar schlüssig formuliert, sie aber nicht eng genug mit jeder Station der auf Homers Vorlage basierenden Reise verbindet.
Wo Patrick diese Idee jedoch für zu beiläufig und wirkungslos hält, entdeckt Daniel darin gerade den inneren Zusammenhang des Films. Für ihn verbindet das gebrochene Gastrecht die Irrfahrt mit der Situation auf Ithaka: Während Odysseus selbst durch Täuschung und Plünderung die alten Regeln außer Kraft gesetzt hat, halten Penelope (Anne Hathaway) und Telemachos (Tom Holland) weiter daran fest und müssen deshalb die immer dreisteren Freier im eigenen Hause dulden. Auch die wiederholt erwähnten räuberischen „Leute vom Meer“, vor denen sich die Heimat fürchtet, bekommen dadurch eine bittere Bedeutung: Am Ende sind Odysseus und seine Männer selbst zu jenem gesetzlosen Seefahrervolk geworden, vor dem andere warnen.
Daniel sieht darin eine klare Antikriegs- und Pro-Nächstenliebe-Aussage, die Nolan dem Stoff stärker einschreibt als die Vorlage, in der das so überhaupt gar nicht der Fall ist. Odysseus’ Rückkehr wird so nicht nur zur Heimkehr eines Helden, sondern zur Konfrontation mit dem Schaden, den seine Methoden und der Krieg in ihm und seiner Welt hinterlassen haben. Patrick erkennt diese Lesart an, findet aber weiterhin, dass der Film sie zu wenig ins Zentrum rückt und erst spät ausspricht, statt sie über die gesamte Reise hinweg deutlich fühlbar zu entwickeln. Einig sind sich beide, dass Christopher Nolans moderne Neu-Interpretation die Odyssee um im Original durchaus gegebene Komplexität, besonders bei ihrem ambivalent lesbaren Hauptcharakter und dem Spiel zwischen Göttern und Menschen, stark beraubt. Schaut man diesen Film mehrmals, ob man ihn als tolle Erfahrung empfindet oder nicht, wird man ihn wohl immer gleich erleben und interpretieren.
Am stärksten unterscheiden sich die Rezensenten in ihrer Wahrnehmung von Rhythmus, Musik und Gesamtwirkung. Patrick empfindet Ludwig Göranssons Filmmusik als typisches modernes Klangbett: atmosphärisch, lautstark und stark auf die Steuerung einzelner Szenen ausgerichtet, aber ohne einprägsame musikalische Themen. Für ihn überlagert diese Form der Vertonung häufig Dialoge und versucht einen emotionalen Sog zu erzeugen, den Handlung und Figuren allein nicht herstellen.
Daniel nimmt genau dasselbe Zusammenspiel aus Musik, Schnitt, wechselnden Kameraperspektiven und ungewöhnlichem Rhythmus als größte Stärke wahr. Beim ersten Sehen irritierte ihn diese Inszenierung ebenfalls, doch nach einigen Minuten erschloss sie sich ihm als präzise abgestimmte Gesamtkomposition. Besonders bei der zweiten Sichtung fühlte er sich vollständig in einen unnachahmlichen, eigenen Takt des Films hineingezogen; die drei Stunden vergingen für ihn deutlich schneller, und die Reise wirkte weniger wie eine Sammlung großer Einzelszenen als wie ein durchgehender Strom aus Bildern, Geräuschen und Bewegungen.
Dass Nolan spektakuläre Wesen wie den Zyklopen nicht dauerhaft in voller Pracht ausstellt, sondern oft nur flüchtig, aus niedrigen Blickwinkeln oder wie zufällig beim Weglaufen erfasst, verstärkt für Daniel den Eindruck, tatsächlich Teil dieser Reise zu sein. Patrick empfindet dieselben Entscheidungen als unbefriedigend und die Kreaturen teilweise sogar als wenig überzeugend gestaltet.
Auch beim viel beworbenen IMAX-Format bleiben die Einschätzungen geteilt. Beide würdigen den enormen logistischen Aufwand und die außergewöhnliche Schärfe, Größe und Materialität der analogen Aufnahmen. Patrick betrachtet das Format dennoch eher als zeitlich begrenztes Event-Gimmick, das nur einem kleinen Teil des Publikums in der vorgesehenen Form zugänglich ist und bei späteren Heimkinoauswertungen nicht reproduziert werden kann.
Daniel sieht den Mehrwert deutlicher, räumt aber ebenfalls ein, dass die für das hohe IMAX-Bild komponierten Einstellungen in normalem Breitbild teilweise gedrungen oder ungünstig beschnitten wirken. 70mm-Grundmaterial tut dem Bild laut ihm auch in anderen Formaten gut, da es einfach sehr scharfes, detailreiches Ausgangsmaterial in hoher Auflösung ist. Einig sind sich beide darin, dass man den Film auch in einem gewöhnlichen Kino sinnvoll beurteilen können muss und niemandem eingeredet werden sollte, ohne eine seltene 70-mm-IMAX-Projektion habe er den Film nicht „wirklich“ gesehen.
Daniel kommt nach zwei Sichtungen (einmal 70mm-Breitbild und einmal digitales IMAX über die volle Leinwand) zu einem sehr positiven Gesamturteil. Die Mischung aus realen Drehbedingungen, ungewöhnlicher Gesamtkomposition und klarer moderner Interpretation hat sich bei ihm erst nach und nach vollständig entfaltet und schließlich stark eingebrannt. Für ihn ist Die Odyssee ein Meisterwerk, das weniger durch einzelne Höhepunkte als durch die Erfahrung der gesamten Reise und den ungewöhnlich komponierten, aber außergewöhnlich gut funktionierenden Filmrhythmus wirkt, dadurch bei ihm sofort Lust auf weitere Sichtungen ausgelöst hat.
Patrick bleibt nahezu am Gegenpol: technisch hervorragend, insgesamt durchaus gut, aber erzählerisch zu wenig fesselnd, zu wenig überraschend und emotional zu fern. Er erwartet nicht, den Film in absehbarer Zeit noch einmal sehen zu wollen, und bezweifelt, dass er für ihn denselben langfristigen Stellenwert erreichen wird wie andere Werke Nolans.
Gerade diese gegensätzliche Wirkung beschreibt den Film vielleicht am treffendsten: Wer sich in seinen eigentümlichen Rhythmus einklinkt, kann darin eine außergewöhnlich geschlossene Kinoerfahrung finden; wem dieser Zugang fehlt, dem bleibt eine aufwendig gedrehte, aber fast drei Stunden lange und erstaunlich wenig mitreißende Nacherzählung eines sehr vertrauten Stoffes, die eigentümliche Schwerpunkte setzt.
Autor: Daniel Pook
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Dieser Podcast wurde mittels moderner Funktechnik von Patrick aus Hürth in Hürth und Daniel Pook in unserem Studio in Berlin aufgenommen.


