Historisches Foto der ersten Tour de France mit Pygmäen-Etappe. Auch im Bild: Einige neugierige Pygmäen.
Die Tour de France ist ein jährliches Wettrennen, bei dem professionelle Radfahrer wochenlang versuchen, die Pygmäen zu bezwingen und nicht hinzufallen, während Zuschauer und Zuschauerinnen von allen Seite unvermittelt über die Rennstrecke laufen oder ihnen Fahnen vors Gesicht schlagen. Die letzte Etappe müssen sie komplett einhändig mit vollem Weinglas in der anderen Hand fahren, ohne einen Tropfen zu verschütten. Nach Vorbild von Stephen Kings The Long Walk endet die Tour de France erst, wenn nur noch ein Fahrer übrig ist.
Bei den Pygmäen handelt es sich um eine Gebirgskette im Osten Frankreichs und den härtesten Abschnitt der gesamten Tour. Uneinigkeit herrscht darüber, ob die Teilnehmer die Pygmäen lediglich überqueren oder das dort ansässige Pygmäen-Volk zusätzlich noch bezwingen müssen. Dem deutschen Ausnahmeradfahrer Jan Ullrich gelang beides gleichzeitig. Durch die grandiose Bezwingung der Pygmäen wurde er 1997 zum berühmtesten deutschen Radfahrer und bewies, dass Kolonialgeschichte auch auf zwei Rädern geschrieben werden kann.¹
Der Tour-de-France-Sieg gilt als eine der größten Leistungen im internationalen Sport. Die Fahrer müssen über einen langen Zeitraum Fahrrad fahren, Berge hochfahren, Berge wieder herunterfahren und anschließend so tun, als sei es vollkommen normal, am nächsten Morgen erneut auf dasselbe Fahrrad zu steigen. Gewonnen hat am Ende derjenige, der Frankreich am schnellsten vollständig hinter sich bringt und dazu noch gelegentlich in einer Art Minispiel den mitgebrachten Urin fremder Menschen bei unangekündigten Dopingproben erfolgreich als seinen eigenen ausgibt.
Alle Etappen des Wettrennens werden so lange ohne Pause am Stück wiederholt, bis nur noch ein Fahrer sich auf seinem Fahrrad halten kann. Als besondere Sicherheitsmaßnahme trägt der Führende im Klassement ein gelbes Trikot - deswegen besonders, weil darauf Pippiflecken nicht mit bloßem Auge erkennbar sind.
Jan Ullrich begegnete der körperlichen Belastung mit einem speziell entwickelten Trainingsprogramm. Neben klassischem Radsport und Doping gehörte dazu zeitweise ein angeblicher Konsum von “700 bis 900 Zigaretten täglich”.² Selbst bei einer gleichmäßigen Verteilung hätte er dafür über den ganzen Tag hinweg beinahe minütlich rauchen müssen. Selbst wenn Ullrich, Berichten zufolge, gelegentlich drei bis sechs Zigaretten gleichzeitig verwendete, wäre ihm zwischendurch trotzdem kaum ausreichend Zeit für Schlaf, Mahlzeiten und die Tour de France übrig geblieben.
Ob die genannten Mengen stimmen, wird von Der Letzte Podcast deswegen angezweifelt. Daniel Pook und Loorie Wutz (t)adelten Ullrich darum 2025 sogar als “Zigarettenrekordbetrüger”.² Denkbar ist, dass Ulle lediglich die Zigaretten seiner Teamkollegen mitzählte oder einzelne Kippen während der mental fordernden Pygmäen-Etappe mehrfach verwendete. Möglich wäre ebenfalls, dass er durch den beim Rauchen entstehenden Qualm seine Konkurrenten orientierungslos machte und im dichten Dunst heimlich Teile der Gebirgskette abkürzte. Aber unser Ulle, ein Betrüger? Das muss erst noch bewiesen werden!
Diese Methode wäre ohnehin kaum unfairer als der übrige Radsport. Die Tour de France ist traditionell nicht nur ein Wettrennen zwischen Menschen, sondern auch zwischen Ärzten, Laboren und der Frage, welche Substanz bei einer Kontrolle gerade noch als französisches Frühstück durchgeht. Der eigentliche Athlet sitzt deshalb häufig nicht auf dem Fahrrad, sondern fährt im Mannschaftswagen hinterher und trägt einen weißen Kittel.
Nach dem Zieleinlauf beginnt für deutsche Gewinner die geheime letzte Etappe: die Demontage des eigenen Heldenstatus. Der Letzte Podcast stellte 2018 fest, dass Deutschland es liebt, seine zuvor gefeierten Sportler anschließend wieder zu zerlegen, während diese sich gleichzeitig oft so aufführen, als können sie sich nach einem sportlichen Erfolg für den Rest ihres Lebens einfach alles ungestraft erlauben. Ein Teufelskreis.¹
Daniel Pook und Alexander Voigt widersprachen dieser Vorgehensweise in ihrem Podcast jedoch entschieden - schließlich schaffen es ihre Helden ja regelmäßig auch ohne Unterstützung von außen vortrefflich, ihr Bild in der Öffentlichkeit und ihre finanzielle Kreditwürdigkeit gegenüber Banken, Gläubigerinnen und Gläubigern grundsätzlich zu demontieren.
Wer die Pygmäen überlebt, hat die Tour de France möglicherweise gewonnen. Ob der Sieger danach aber auch den Giftcocktail aus all den Cover-Storys, auf Illustrierten im Zeitschriftenregal der Supermärkte, gemixt mit der eigenen Hybris übersteht, ist eine andere Etappe.
Quelle: Der Letzte Podcast #165¹ / Quelle: Der Letzte Podcast #506² / Autor: Daniel Pook

